Sind Hörspiele überhaupt gut für Kinder?

Das wurde ich vorgestern von einer Frau am überquellenden Regal für Kinderhörspiele im Mediamarkt gefragt. Ich wusste es ganz genau und sagte: „Naja, das kommt darauf an.“ Ich glaube nicht, dass ihr das weiter geholfen hat.
Hätte ich nicht mit einem klaren, einfachen Ja antworten müssen? Schließlich habe ich für meine Kinder schon unzählige Hörspiele gekauft. Noch dazu schreibe ich selbst Kinderhörspiele. Und ich stehe hinter allem, was ich tue, und zwar 100prozentig! Trotzdem finde ich, nur wenn Kinderhörspiele mit Sorgfalt ausgewählt werden, dann sind sie gut für unsere Kinder. Das sagt mir übrigens nicht meine Erfahrung als Autor, sondern meine Erfahrung als Mama und Oma. Meine Töchter sind längst erwachsen und zitieren immer noch Benjamin Blümchen oder Rudi Rabe. Sie haben sich zu tierlieben, sozialen, klugen und frechen jungen Frauen entwickelt. Ist aus ihnen dank der Hörspiele etwa eine Mischung aus Elefant und Rabe geworden? Die Botschaften dieser Hörspiele sind jedenfalls tief in ihnen verankert.

Was bleibt von Hörspielen bei unseren Kindern hängen – und was passiert dann?

Es gibt zwei Orte, an denen Kinder besonders oft und gern Hörspiele hören. Der wichtigste Ort ist abends im Bett. Nur das Hörspiel rettet sie dann noch vor dem schrecklichen Schlaf, der sie die spannendsten Sachen verpassen lässt. Deshalb klammern sie sich an jedem Wort fest, und in der Dunkelheit gibt es keine Ablenkungen. Manche Kinder können die Hörspiele schnell auswendig und sprechen sie mit. Denn sie nehmen das Hörspiel nicht nur auf, während es abgespielt wird, sondern auch noch danach. Wenn unsere Kinder neue Informationen hören, werden diese zunächst vom Hippocampus aufgenommen. Was wie ein Ferienlager für Nilpferde klingt, ist in Wahrheit eine Art Zwischenspeicher. Manche Informationen werden als unwichtig eingestuft und fallen dort wieder heraus. Andere gelangen in die Großhirnrinde, und zwar im Schlaf. Das, was wir als Letztes vor dem Einschlafen aufnehmen, hat die größte Chance im Hauptspeicher zu landen. Mir hat vor kurzem eine junge Frau geschrieben, dass sie ihre Biologie-Prüfung mit Hilfe einer Monika-Häuschen-Hörspielfolge bestanden hat, die noch in ihrem Kopf drin war. Ich habe mich mehr gefreut, als wenn ich das Bundesverdienstkreuz mit Schleifchen bekommen hätte! Unsere Kinder saugen die Hörspiele und die darin versteckten Botschaften wie Schwämme auf, da bleibt was hängen, manchmal sogar ein ganzes Leben lang. Daran sollten wir denken, wenn wir ein Hörspiel auswählen, und daran denke ich auch, wenn ich eins schreibe. Ich finde Hörspiele mit wiederkehrenden Ritualen übrigens sehr schön. Das signalisiert etwas Verlässliches. Wenn die kleinen Zuhörer wissen, jede Folge dieser Hörspiele beginnt damit, dass sich der Erzähler etwas zu essen macht und sie endet damit, dass er seine Großmutter zitiert, dann gibt das Sicherheit und Geborgenheit. Ich habe meinen Töchtern übrigens keine Barbie-Hörspiele gekauft. Nicht weil die schlecht sind, sondern weil ich mir gewünscht habe, dass meine Töchter später die Welt retten wollen, und nicht bloß ihre Frisur. Kinderhörspiele beeinflussen nämlich ganz stark die Verhaltensweisen unserer Kinder. Deshalb finde ich den Tonfall und die Wortwahl der Figuren sehr wichtig. Der schlimmste Spruch, der in meinen Kinderhörspielen vorkommt, ist „So ein Mist aber auch!“ Damit kann man sich prima Luft machen, aber es ist nicht verletzend oder beleidigend.

Und wie beeinflussen Hörspiele unsere Kinder?

Ihr kennt natürlich alle die andere Gelegenheit, bei der Kinderhörspiele gern gehört werden und das ist während einer Fahrt im Auto. Das kann ziemlich anstrengend werden, oder? Ich erinnere mich an stundenlange Autofahrten nach Dänemark, auf denen sich mir ein Töröh ins Trommelfell eingebrannt hat. Vor kurzem habe ich zusammen mit einem kleinen Mann im Auto eine Folge von Caillou (Hilfe, wie schreibt man das?) gehört. Mir persönlich ging dieser glatzköpfige Junge zügig auf die Nerven. Die Serie ist absolut entschleunigt, niemand fällt dem anderen ins Wort, es wird eine seltsame heile Welt dargestellt, Caillou selbst ist auch ein sehr seltsames Kind, das immer gute Laune hat und alles mitmacht, was seine Eltern vorschlagen. Aber – ich habe gemerkt, wie gut die Folge dem kleinen Mann neben mir tat. Er war plötzlich nicht mehr so zappelig, unglaublich gut gelaunt, und als ich sagte, dass wir noch den Wochenendeinkauf erledigen müssen, bevor wir spielen können, stimmte er fröhlich zu, wie Caillou, der mit Begeisterung Schnee schiebt und den Müll rausbringt. Leider wirken die Caillou-Hörspiele bei erwachsenen Männern nicht mehr, ich habe es ausprobiert.
Und warum sind die richtigen Hörspiele außerdem gut für Kinder? Weil sie auf geniale Weise die Fantasie fördern. Anders als bei einem Film oder Bilderbuch entstehen hier die Bilder im Kopf. Fragt eure Kinder mal, welche Farbe die Jacke des kleinen Hörspielhelden hat oder wie das Fell seines Hundes aussieht, sie werden es ganz genau wissen!
Irgendwie hoffe ich jetzt, dass die Frau aus dem Mediamarkt das hier liest, damit sie versteht, was ich mit meiner Antwort gemeint habe. Ob Kinderhörspiele gut für Kinder sind? Naja, das kommt eben darauf an.

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